Offener Brief an die Präsidentin der Hannelore Kohl Stiftung

Sehr geehrte Frau Ohoven,

auf 20 000 Großplakaten ruft die Hannelore Kohl Stiftung dazu auf, Fahrradhelme zu tragen. Das Plakatmotiv zeigt ein lebloses, stark blutendes Mädchen als Unfallopfer. Sie selbst haben diese drastische Darstellung auf den Großplakaten gegenüber Kritikern verteidigt.

Wir möchten weder die guten Absichten Ihrer Kampagne noch den Sinn von Präventivarbeit durch gezielte Aufklärung in Frage stellen. Wir wollen Ihren Blick heute auf die Wahrnehmung der Kinder lenken, denen dieses Großplakat in ganz Deutschland auf ihrem Schulweg, an den Haltestellen und in der Nähe ihrer Freizeitorte begegnet.

Anlässlich einer wissenschaftlichen Studie zu einem anderen Thema brachten mehrere Kinder von sich aus das Plakat uns gegenüber zur Sprache und schilderten ihre Wahrnehmung und ihre damit verbundenen Ängste. So zum Beispiel die siebenjährige Isabell, die uns berichtete, wie sie und ihre beiden Freunde auf ihrem Schulweg auf das Plakat trafen und erschreckt davor stehen blieben. Isabell beschrieb detailliert, was sie auf dem Plakat sah: ein Opfer, eine tote Radfahrerin, die "...hat überall geblutet, hier war eine Riesenschramme und da hat halt so eine... schon so eine Riesenpfütze und die war ganz tot, überall geblutet".

Kinder sehen in Ihrer Kampagne kein gut gemeintes Anliegen, sondern einen toten Menschen, der seinen furchtbaren Verletzungen erlegen ist und der in seinem Blut auf der Straße liegt. Diese Szene ist in einer überlebensgroßen Dimension in natürlichen Farben abgebildet. Solche drastischen realistischen Bilder können Kinder wie in verschiedenen Studien belegt ist nicht verarbeiten. Kinder sind im Gegensatz zu Erwachsenen nicht in der Lage, zu dieser Szene in einen sicheren Abstand zu gehen, weil sie aufgrund ihrer kognitiven und sozial-moralischen Entwicklung mediale Darstellungen noch nicht hinreichend entschlüsseln und bewerten können. Sie blicken auf das Plakat aus einer ichbezogenen Perspektive und unterstellen einen konkreten Realitätsbezug. Die Wahrnehmung der Kinder konzentriert sich auf das Opfer. Sie versetzen sich selbst bzw. ihre Familienmitglieder und Freunde in diese Unfallsituation hinein. So auch Isabell, die nun, wie sie uns erzählte, große Angst um ihre Mutter hat, weil diese täglich Rad fährt. Außerdem fürchtet sie sich, nachts schlimm zu träumen. Sie sehen, Kinder erkennen die hinter dem Plakat stehende aufklärende Botschaft nicht. Das Plakat ängstigt und schockiert sie. Angst ist ein schlechter Ratgeber! Schock ist kein Mittel der Erziehung! Dieses Plakat richtet Schaden an!

Wir fordern Sie auf, zum Wohle der Kinder in Ihrer Kampagne auf dieses Bild zu verzichten und die bereits geklebten Plakate zu entfernen.

Der Brief als PDF zum Download

Die Pressemitteilung wird vom JFF Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis herausgegeben. Mehr Informationen unter www.jff.de
http://jugendserver-sh.de/Dokumente/printpub/tid:2-pid:342 | _LASTUPDATE: 09.09.2004